Historischer Blick

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Wegmarken des Glaubens
Warendorfer Wegebilder
und Hofkreuze

Eine Einführung
Alfred Pohlmann

Entstehung von Wegebildern
Der Brauch, in Stadt, Dorf oder Feldflur Wegebilder aufzustellen, ist uralt und geht auf vorchristliche Zeiten zurück. Schon in der Antike zeichnete man Straßen, Kreuzungen oder Brücken durch Heiligtümer aus. So wurde Hekate, Göttin des Mondes, des Zaubers und des Spuks, deren Kult im antiken Griechenland weit verbreitet war, vorwiegend an Kreuzwegen verehrt.
Auch für das christliche Wegemal war die Wegekreuzung – neben Plätzen und Brücken, Hof- und Flurgrenzen – stets einer der volkstümlichsten Standorte. Die Vorstellung, die Kultstätten heidnischer, seit der Christianisierung dämonisierter Gottheiten seien durch das Aufstellen eines Kreuzes oder Heiligenbildes später christlich überformt worden, mag für den Historiker verlockend erscheinen, ist aber unbeweisbar. Eine Kontinuität der Wegebilder von der heidnischen Antike bis ins christliche Mittelalter lässt sich nicht belegen, auch wenn Frömmigkeit und Aberglauben bei Kreuzwegmalen in alter Zeit zuweilen seltsam miteinander verschmolzen.

Christliche Wegheiligtümer entstanden seit dem späten Mittelalter. Ihre formalen Wurzeln lassen sich offenbar im christlichen Begräbnisbrauchtum ausfindig machen: Das Aufstellen von Wegekreuzen unter freiem Himmel hat einen Vorläufer in den Kreuzen und Kruzifixen auf christlichen Friedhöfen. Für die Tabernakelhäuschen der Bildstöcke mögen die älteren Toten- oder Friedhofsleuchten Pate gestanden haben.

Spirituell sind die Anfänge des christlichen Wegemals eng verwoben mit dem Beginn einer privaten Frömmigkeit im 14. Jahrhundert. Die Seelsorge der Bettelorden, ihre bilderreichen Predigten förderten eine mystische Passions- und Kreuzverehrung, die in privaten Andachtsbildern – etwa dem Vesperbild oder dem Schmerzensmann – ihren ersten Niederschlag fand. Etwa gleichzeitig entstanden die ältesten Bildstöcke und Wegekreuze, ebenfalls als Ausdruck einer persönlichen Religiosität. Sie verkörpern Fürbitte und Dank, erzählen von der Erfüllung eines Gelübdes, dienen als Sühne- oder Erinnerungsmale. Oft halten dabei Inschriften den Beweggrund oder den Anlass für die Errichtung dieser Denkmäler wach. Anders als die offizielle Kirchenkunst künden sie auch häufig von den persönlichen Vorlieben ihrer Stifter, etwa dann, wenn sie sich an deren Namenspatron oder Schutzheiligen wenden. Auftraggeber der ländlichen Bildstöcke sind zumeist Bauern; zuweilen treten auch Bürgertum, Adel oder Klerus in dieser Funktion auf. Dementsprechend werden Wegemale zumeist von ländlichen Handwerkern produziert, städtische oder gar höfische Künstler beschäftigen sich kaum mit dieser Kunstgattung. Wir finden hier also eher den Steinmetz und Schreiner bei der Arbeit als den Bildhauer und Holzschnitzer.

Werke der Gotik und Renaissance
Leider bewahrt der heimische Raum kaum noch mittelalterliche Zeugen dieser Sparte sakraler Kunst. Die auf Kirchplätzen errichteten spätgotischen Passionssäulen des Münsterlandes – reizvolle Beispiele stehen heute noch in Billerbeck, Dülmen, Epe, Metelen und Wessum – zählen eher zur Kirchenausstattung als zu den Wegemalen.

Lediglich das Poppenbecker Kreuz, nahe der Straße von Havixbeck nach Billerbeck, hat als Flurdenkmal alle Jahrhunderte überdauert. Errichtet wurde es im 15. Jahrhundert als Memorienkreuz für den hier zu Tode gekommenen Ritter Sweder von Bevern. Die Soldateska der Glaubenskriege, welche die mittelalterlichen Wegebilder des Münsterlandes nahezu restlos zerstörte, machte vor diesem hohen, steinernen Symbol Halt. In seiner schlichten Kreuzform eine Andachtsstätte für alle christlichen Konfessionen, konnte es die Bilderstürme des 16. und 17. Jahrhunderts unbeschadet überstehen.

Auch in Warendorf scheinen auf den ersten Blick Bildstöcke des Mittelalters auf unsere Zeiten gekommen zu sein: Besonderes Prunkstück aus dieser Frühzeit ist ein Kreuzigungsrelief der Zeit um 1500, das wohl aus der Werkstatt des münsterischen Bildhauers Heinrich Brabender stammt. Heute in Milte aufbewahrt, zeigt es zu Seiten des Kruzifixes Scharen von anbetenden Nonnen und Mönchen. Die Darstellung von Ordensleuten ist aber für einen privaten Bildstock höchst ungewöhnlich und führt auf eine andere Spur: Das Relief befand sich ursprünglich in Klosterbesitz, wahrscheinlich gehörte es den Benediktinerinnen in Vinnenberg. Erst im 19. Jahrhundert, als durch Säkularisation und „Stilreinigung“ die Kirchen vieler Inventarstücke verlustig gingen, gelangten solche Kostbarkeiten in die Flurdenkmale am Wegesrand. Als ebenso wertvoll ist das Fragment einer Hochzeit zu Kana in Dackmar einzustufen, das sogar aus dem 13. Jahrhundert stammt. Aus stilistischen Gründen werden seine Ursprünge sogar in der Dombauhütte von Münster vermutet. Leider hat der rasch fortschreitende Steinzerfall des 20. Jahrhunderts diesem kleinen Meisterwerk fast gänzlich den Garaus gemacht.

Tatsächlich existieren originale Wegebilder der vorreformatorischen Zeit in Warendorf nicht mehr. Hier – wie fast überall in Norddeutschland – haben die Glaubenskriege der frühen Neuzeit diesen im öffentlichen Raum so sehr gefährdeten Denkmälern einen Totalverlust zugefügt.

Barock: Kunst der Gegenreformation
Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Westfälischen Frieden brachen nach 1648 auch im Münsterland ruhigere Zeiten an. Im Zeichen der Gegenreformation begann sich katholisches Leben wieder in all seinen Facetten zu regen. Die kirchliche Obrigkeit machte es sich zum besonderen pastoralen Anliegen, die während der Glaubenskriege eingeschlafenen Wallfahrten wiederzubeleben. Vor der Reformation war Warendorf noch von zahlreichen frommen Pilgerströmen durchzogen worden, die sich auf dem Weg zu den benachbarten Wallfahrtsorten Buddenbaum, Freckenhorst, Telgte und Vinnenberg befanden. Auch die Klöster Marienfeld und Rengering sollen damals noch Gnadenbilder der Heiligen Jungfrau besessen haben. Diese Prozessionen suchte man jetzt – zumindest teilweise – wieder ins Leben zu rufen.

In den Wirren von Täuferzeit und Reformation war zum Beispiel das Heilige Kreuz von Freckenhorst, eine Kreuzreliquie, verloren gegangen und die Wallfahrt zum Erliegen gekommen. Obwohl die Reliquie verschollen blieb, gelang es noch vor dem Abschluss des Westfälischen Friedens, die Wallfahrt zu erneuern.
Die Wiederbelebung der Wallfahrt zum „uhralten miraculösen Vesperbild“ in Telgte machte sich der Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen (1650 bis 1678), zum persönlichen Anliegen. Seit 1651 zogen die Pilger wieder ungehindert von Warendorf und Münster zur Telgter Madonna. Doch das reichte dem glaubenseifrigen Bischof nicht. 1654 veranlasste er den Neubau der Gnadenkapelle und die Ausschmückung der Prozessionswege mit Stationen. Stolz berichtete er darüber 1661 in einem Diözesanbericht an Papst Alexander VII. Dieser mag die bischöflichen Ausführungen mit Interesse gelesen haben, kannte er doch das Münsterland aus eigener Anschauung. Von 1644 bis 1649 war er als Kardinal Fabio Chigi Gesandter des heiligen Stuhls bei den Westfälischen Friedensverhandlungen gewesen und hatte im münsterischen Minoritenkloster logiert.
Über die Bittgänge zur Schmerzhaften Mutter von Buddenbaum vermeldete ein Visitationsprotokoll im Jahre 1662 hoffnungsfroh: „In dieser Pfarre gibt es eine Kapelle mit einem Heiligtum der Jungfrau Maria, sehr alt, einst wundertätig. Nach der Zerstörung im Jahre 1642 von dem gegenwärtigen Pfarrer wieder aufgebaut. Und die feierliche Prozession, welche achtzig Jahre unterlassen worden war, wurde von neuem aufgenommen …“
1674 wurde ein Kupferstich mit dem Vinnenberger Gnadenbild aufgelegt, um auch diese Wallfahrt im Bewusstsein der katholischen Christenheit wieder stärker zu verankern.
Und im 18. Jahrhundert kam als letzte die Feier Mariä Himmelfahrt in Warendorf hinzu. Erstmals 1752 berichtet der Pfarrer der Laurentiuskirche, Georg Teeken, an den Bischof von Münster von Wunderheilungen vor dem Muttergottesbild, die rasch großen Widerhall über die Bistumsgrenzen hinaus auslösten.

All diese Prozessionen und Wallfahrten regten nicht nur den Bischof von Münster, sondern auch Privatleute an, am Rande der Pilgerwege Stationen und Andachtsstätten zu stiften. Mehr als siebzig Bildstöcke mit Bildern der Gnadenmadonna entstanden in der Folgezeit rings um Telgte, viele weitere mit dem Freckenhorster Kreuz, den Gnadenbildern von Buddenbaum, Vinnenberg oder Warendorf folgten. Jeder Wallfahrtsweg wurde zu einer Via sacra ausgeschmückt. Die Kunst der Wegemale gelangte zu hoher, barocker Blüte und entfaltete ihren formalen Reichtum in Bildstöcken, Kruzifixen, Kapellen und Heiligenstatuen. Selbst der Adel beteiligte sich an diesem Stiftungseifer. Die begüterten Stiftsdamen in Freckenhorst zogen hochklassige Künstler heran, wie den aus berühmter Bildhauerfamilie stammenden Johann Wilhelm Gröninger, von dem das „Weiße Kreuz“ stammen soll. Der „Brückenheilige“ Johannes von Nepomuk, der Schutzpatron vor den Gefahren des Wassers, wachte als überlebensgroße Skulptur an Flüssen und Seen.

Säkularisation
Das mit der Französischen Revolution 1789 aufziehende säkulare Zeitalter bereitete den geistlichen Fürstentümern im Deutschen Reich das Ende. Auch das Fürstbistum Münster hörte 1802 faktisch auf zu existieren. Im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 löste die neue Obrigkeit die Klöster im Lande sukzessive auf; so widerfuhr es bereits 1803 Marienfeld, Rengering und Vinnenberg folgten 1810, Freckenhorst 1811. Häufig wurden anschließend die Inventarstücke der Klosterkirchen vernichtet oder verschleudert.

Damit hatte auch die volksfromme Heiligenverehrung ihren Höhepunkt überschritten. Im Zeitalter von Aufklärung und Rationalismus vermochte man der gefühlsbetonten, emphatischen Frömmigkeit des Barock nichts mehr abzugewinnen. Wallfahrten wurden verboten oder eingestellt, so schon 1787 in Bocholt. Allerdings erreichten die weltgeschichtlichen Erschütterungen den ländlichen Raum des Westmünsterlandes nur in abgeschwächter Form. Hier verharrte man noch länger in überkommenen Glaubensvorstellungen; private Frömmigkeit ließ sich nicht durch staatliche Verordnung unterbinden.
Daher brachte die Säkularisation die Entstehung von Wegemalen auch nicht völlig zum Erliegen. Neuerrichtete Bildstöcke tradierten sogar oft und bewusst altes Formengut, die Erinnerung an „bessere Zeiten“ wach haltend. Wohl keine Gattung illustriert diesen Umstand plastischer als die Hof- und Wegekreuze, die bis weit in die nachbarocke Zeit gotischen Vorbildern folgten. Besonders die ausdrucksstarken Gabelkruzifixe des 14. Jahrhunderts, wie sie in Coesfeld, Haltern und anderswo als wundertätig verehrt wurden, wirkten sich bis ins 19. Jahrhundert vorbildhaft auf die ländlichen Kreuze aus (Schulze Osthoff Hägerort, datiert 1793).

Hier – wie so oft bei Wegemalen – konstatiert der Kunsthistoriker eine extreme Stilverspätung, die nichts von den neueren Kunstströmungen des Klassizismus oder gar des Nazarenertums zu wissen scheint. Diese stilistische Rückständigkeit ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass eben nicht erstrangige, sondern ländliche Künstler am Werk waren. Man darf aber nicht verkennen, dass sich hier auch ein „Kunstwollen“ Bahn bricht, dass es sich um kalkulierte Altertümlichkeit handelt. Mit der Anknüpfung an längst vergangene Kunststile will das Kunstwerk zugleich an überkommene Formen von Frömmigkeit und Andacht erinnern. Eine gewisse künstlerische Unbeholfenheit macht zudem den expressiven Reiz und ästhetischen Charme dieser Denkmäler aus.

In dieser kirchenfeindlichen Zeit erfüllten einige Bildstöcke sogar den wichtigen Zweck, einstiger wertvoller Kirchenausstattung eine neue „Heimat“ zu geben und sie so vor der Zerstörung zu retten. Die aus den Sakralbauten entfernten Kunstgegenstände wurden zuweilen von Privatleuten erworben und als „Spolien“, als zweitverwendete Zier, den neu errichteten Bildstöcken integriert. So konnte mitten im Zeitalter der Säkularisation manches kostbare Inventarstück für die Nachwelt gerettet werden. Sprechende Warendorfer Beispiele sind die bereits erwähnten Reliefs der Kreuzanbetung in Milte und der Hochzeit zu Kana in Dackmar. Ebenso einzigartig war das Bruchstück einer Gregorsmesse aus dem 16. Jahrhunderts. Bis heute in Freckenhorster Privatbesitz verwahrt, ist es durch Verwitterung leider völlig unkenntlich geworden.

Kulturkampf und Historismus im 19. Jahrhundert
1815 hatte das Königreich Preußen von seiner Provinz Westfalen Besitz ergriffen. Das Verhältnis zu den katholischen Untertanen im Münsterland gestaltete sich von Anfang an problematisch in einem protestantischen Königreich, dem es ein Anliegen war, eine politische Einflussnahme des Katholizismus nicht zuzulassen. Immer wieder kam es zu Unruhen in der einheimischen Bevölkerung, erstmals anlässlich des „Kölner Ereignisses“ 1837, als der Erzbischof von Köln und vormalige Weihbischof von Münster, Clemens August von Droste-Vischering, wegen seines Widerstandes gegen die staatliche Schul- und Familienpolitik von der preußischen Obrigkeit in die Festung Minden verbracht wurde. Auch während der bürgerlichen Revolution 1848 votierte man im Münsterland antipreußisch: In die Frankfurter Nationalversammlung zog 1848 als münsterländischer Abgeordneter Wilhelm Emanuel von Ketteler ein, Pfarrer in Hopsten und später Bischof von Mainz. Er gilt zusammen mit Adolf Kolping als Begründer der christlich-sozialen Bewegung.
Die Auseinandersetzungen kulminierten im Kulturkampf (1872 bis 1884), als der Staat endgültig versuchte, den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der Kirche zu brechen. Um ihrem Anspruch Nachdruck zu verleihen, inhaftierte die Regierung 1875 den münsterischen Bischof Bernhard Brinkmann in Warendorf. Nach 1879 kam es zu einem allmählichen Ausgleich, aus dem letztlich der Katholizismus gestärkt hervorging.

Für die Bevölkerung des Münsterlandes stellten all diese Ereignisse geradezu eine Herausforderung dar, durch das Errichten von Wegemalen und Heiligenbildern von der eigenen Konfession bildlich Zeugnis abzulegen. Doch im Gegensatz zum bewusst konservativen Festhalten am Althergebrachten, das das Stilverhalten der Wegemale noch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichnete, trat nun langsam ein Wandel ein:

Unter dem Einfluss der christlich-sozialen Bewegung Kettelers fand etwa die Heilige Familie als Ideal katholischen Familienlebens Eingang in die Thematik der Bildstöcke. In denselben Zusammenhang gehören die zahlreichen Josefsfiguren, die seit der Jahrhundertmitte aus Bildstöcken und Gebäudenischen nicht mehr fortzudenken sind. Zeichen einer neuen Zeit war es aber insbesondere, dass neben den einheimischen Gnadenbildern von Telgte oder Warendorf nun immer häufiger die weltweit bekannte Wallfahrtsmadonna von Lourdes, später auch die von Fatima münsterländische Grotten und Bildstöcke zierten.
Auch stilistisch suchten die Wegemale den Anschluss an die künstlerischen Strömungen ihrer Zeit, das heißt, an die „Neostile“ des Historismus. Vor allem die Neugotik trat ihren Siegeszug durch die Welt der Bildstöcke und Hofkreuze an. Ein typisches Beispiel, mit gotischer Kreuzblume und Krabben reichverziert, steht in der Freckenhorster Bauerschaft Hoenhorst. Der Siegeszug des Historismus machte vor den Kirchenportalen nicht Halt, bewirkte aber wenig Gutes: Denn nicht nur die Säkularisation als kirchenfeindliche Strömung trug im 19. Jahrhundert zur Verschleuderung von Kircheninventar bei. Nach der Jahrhundertmitte waren es zunehmend ästhetische Gesichtspunkte, die für eine weitere Entleerung der Kirchen sorgten: Im Interesse der Stilreinheit der Ausstattung wurden aus mittelalterlichen, aber auch aus neugotischen Kirchen vornehmlich barocke Inventarstücke entfernt, deren „hohles Pathos“ man nicht mehr zu schätzen wusste.

So gelangten 1843 vermutlich aus dem Dom in Münster drei lebensgroße Figuren eines Domherrenepitaphs in eine Feldkapelle in Vohren. Die vorzüglich gearbeiteten Bildwerke schuf um 1537 Heinrich Brabender in Münster. In den 1960er Jahren schloss sich ein Kreis: Seither sind die Figuren wieder Kircheninventar, nun in der Pfarrkirche St. Laurentius in Warendorf.

Von der hohen Ausführungsqualität Brabenderscher Skulptur entfernten sich die Wegebilder im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr. Auch auf dem Sektor sakraler Kunst eroberten maschinelle Produktionsmethoden den Markt, die die Herstellung von Bildwerken auf Vorrat ermöglichten. Es entstand standardisierte, freilich auch preisgünstige Massenware, die keinen Originalitätsanspruch mehr erhob. Der Charme der Einzigartigkeit des Kunstwerks blieb bei solchen Serienproduktionen auf der Strecke. Gerade Warendorf bewahrt als außergewöhnliches Schauobjekt dieser Arbeitsweise eine Gussform für Kruzifixe aus Kunststein oder Beton, gefunden auf dem ehemaligen Gelände der Firma Hanewinkel.

Dem Anliegen der Stifter, Zeichen des Glaubens setzen zu wollen, wurden auch diese Denkmäler weiterhin gerecht. Ihre Originalität beschränkte sich aber oft auf die Erbauerinschrift, die weiterhin eine persönliche Note anklingen ließ.

Das 20. Jahrhundert: Wahrung der Tradition
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stand im Zeichen zweier Weltkriege und des Kirchenkampfes gegen den Nationalsozialismus. Notzeiten waren durch alle Jahrhunderte ein besonderer Anlass, mit der Errichtung eines Bildstocks oder Kreuzes die Bitte um Unversehrtheit, häufiger noch den Dank für glücklich überstandene Gefahren und Drangsale zum Ausdruck zu bringen. So zeugt im Ostbezirk noch ein Hofkreuz von der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg. Ebenso häufig erinnert ein Wegebild aber auch an die Opfer des Krieges, vergleiche in Milte den Bildstock Abbenhorn.

Die Ideologie des Nationalsozialismus konnte in ihrer Religionsfeindlichkeit den frommen Bildwerken nichts abgewinnen und suchte sie, wo immer möglich, zu dezimieren. Davon erzählen die Hofkreuze Schräder-Bals und Schulze Nünning in Dackmar, die vor dem Zweiten Weltkrieg von unbekannter Hand beschädigt wurden. Doch zeugten in dieser schweren Zeit Wegemale auch von Kirchenkampf und zähem Widerstand im Kleinen, etwa dann, wenn an vielen Höfen Kreuze als Zeichen unbeugsamen Glaubens aufgestellt wurden.

Die Nachkriegszeit der 1950er Jahre bescherte den Wegemalen nochmals eine Blüte, nun im Zeichen eines hoffnungsfrohen Neubeginns. Künstlerisch verharrten die Denkmäler dieser Phase zumeist noch in den historistischen Stilen des 19. Jahrhunderts, erinnerten zuweilen auch an den ausdrucksstarken deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts oder versuchten sich mutig in zeitgemäßer, abstrahierender Formgebung: Etwa dann, wenn der Umriss des wundertätigen Freckenhorster Kreuzes in eine moderne Stahlkonstruktion übersetzt wurde.

Bis heute entstehen in Warendorf Wegebilder in ungebrochener Tradition und in erstaunlicher Fülle und Formenvielfalt. Das Bestreben, Haus und Hof unter den Schutz eines Heiligen oder eines christlichen Symbols zu stellen, hat sichtlich nicht nachgelassen. Zumeist suchen die zeitgenössischen Werke den formalen Anschluss an historische Vorbilder, oft in bewusstem, historischem Rückbezug durch Abbildung der heimischen Gnadenbilder oder auch in freier Kopie jener reizvollen Naivität, welche die historischen Bildstöcke gerade im Barock immer wieder auszeichnete. Wenn dabei Eigentümer sogar selbst künstlerisch tätig werden, wird unmittelbar deutlich, in welchem Maße der Bildschmuck bis heute Zeugnis persönlichen Glaubens geblieben ist.
Wie diese jüngsten Wegemale frömmigkeitsgeschichtlich, stilistisch und künstlerisch einzuordnen sind – darüber werden sich künftige Generationen mit mehr Überblick äußern können als wir Heutigen.

Unsere schnelllebige Zeit hat gegenüber Wegemalen ein zwiespältiges Verhältnis entwickelt. Selten waren diese Denkmäler an ihren überkommenen Standorten – schutzlos im Freien an den Straßenrändern und Hofeinfahrten aufgestellt – solchen Gefahren ausgesetzt wie heute. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Motorisierung, das erhöhte Verkehrsaufkommen des 20. Jahrhunderts beraubt die Wegebilder ihrer hergebrachten Funktion als Andachtsstätte oder als Station von Prozessionen und Wallfahrten, weil diese sich abseits der Hauptstraßen ruhigere und gefahrlosere Wege suchen. Stattdessen werden Bildstöcke und Kreuze Opfer von Verkehrsunfällen oder Abgasen: Umweltverschmutzung und daraus resultierender beschleunigter Steinzerfall, auch fehlerhafte Restaurierungen, bereiten den Denkmalpflegern seit Jahrzehnten großes Kopfzerbrechen.

Mit der Stilllegung von landwirtschaftlichen Flächen, dem völligen Verschwinden von Bauernhöfen erlöschen jahrhundertealte Dorfstrukturen: Wegemale verlieren ihre Eigentümer. Wo das wachsame Auge eines Besitzers fehlt, werden aber Vandalismus und Diebstahl zu ernsthaften Problemen. Kurz: In einer säkularen Zeit wie der unseren, in der selbst Kirchengebäude von Schließung und Umnutzung, sogar von Abbruch bedroht sind, stellt der zunehmende Funktionsverlust für Wegebilder eine existenzbedrohende Gefahr dar.

Andererseits ist schon seit geraumer Zeit ein wachsendes öffentliches Interesse und Bemühen zu verzeichnen, Wegemale zu schützen und zu erhalten. Seit Inkrafttreten des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen im Jahre 1980 werden Wegebilder von Denkmalbehörden inventarisiert, unter Schutz gestellt und Restaurierungsmaßnahmen gefördert.

Bücher, Broschüren und Wanderführer weisen auf die stimmungsvolle Schönheit dieser gefährdeten Kunstgattung hin und verankern sie so im Bewusstsein der Bevölkerung. Selbst Kunstausstellungen – wie in Liesborn 1998, in Warendorf 2006 – nehmen sich des Themas „Bildstöcke und Wegekreuze“ an und erzielen erstaunliche Besucherzahlen. Vieles geschieht, um die stark dezimierten historischen Bestände der Wegebilder nicht vollends untergehen zu lassen. Wie ambivalent freilich auch Schutzmaßnahmen sein können, belegen die Translozierungen gefährdeter Objekte in Bauernhofareale oder Innenräume: Wegemale werden so zwar wirkungsvoller geschützt, oft aber auch den Blicken, den Gebeten von Passanten entzogen. Sie büßen auch so eine ihrer hergebrachten Funktionen ein.

Zu wünschen wäre, dass neben Eigentümern und Denkmalpflegern auch weiterhin aufmerksame, interessierte Betrachter – sei es nun aus religiösen, historischen oder nostalgischen Gründen – ein wachsames Auge behalten auf diese unwiederbringlichen „Landmarken des Glaubens“.

Alfred Pohlmann

Literaturauswahl

  • Heinrich Pickert: Kreuze und Wegebilder des Kreises Warendorf, Primanerarbeit Warendorf 1933/34 (Manuskript)
  • Karl Hölker: Kreis Warendorf, Münster 1936 (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen. Bd. 42)
  • Gertrud Stolte-Adelt: Wegbilder der Barockzeit im Münsterland. Ein Beitrag zur Geschichte der volkstümlichen Plastik Westfalens. Phil. Diss. Münster, Wattenscheid 1936
  • Friedrich Zoepfl: Bildstock. In: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte Bd. II, Stuttgart 1948, Sp. 695-707
  • Franz Krins: Zur Verehrung des heiligen Johannes von Nepomuk in Westfalen. Ein Beitrag zur ost-westdeutschen Patrozinienforschung. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde Bd. 14, 1971, S. 294-385
  • Franz Kroos (Red.): 1752-1977. 225 Jahre Mariä Himmelfahrt in Warendorf, Warendorf 1977
  • Friedrich Kobler: Feldkapelle. In: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte Bd. VII, München 1981, Sp. 1078-1086
  • Franz Josef Risse u.a.: Wallfahrtsstätten im Ostmünsterland, München u. Zürich 1988 (Große Kunstführer. Bd. 161)
  • Jürgen Meister (Hg.): Katalog zur Ausstellung „Wegweiser am Rande – Bildstöcke und Wegekreuze in Freckenhorst“
  • Ausstellung: Museum Abtei Liesborn, Wadersloh-Liesborn, Freckenhorst 1998
  • Adolf Reinle: Wegheiligtümer. In: Lexikon des Mittelalters Bd. VIII, Lachen 1999, Sp. 2091-2093
  • Monika Vornhusen u. Walter Suwelack (Red.): 250 Jahre Mariä Himmelfahrt in Warendorf, Warendorf 2002
  • Werner Freitag: Wallfahrtsbilder im konfessionellen Zeitalter: das Fürstbistum Münster. In: David Ganz u. Georg Henkel (Hg.): Rahmen-Diskurse. Kultbilder im konfessionellen Zeitalter, Berlin 2004, S. 81-94 (KultBild. Visualität und Religion in der Vormoderne. Bd. 2)
  • Franz Josef Risse: Wanderer, eil’ nicht so schnell vorbei! Warendorfer Wegebilder und Hofkreuze. Teil II: Freckenhorst und Hoetmar, Warendorf 2006